Dienstag, 28. Dezember 2010

Weihnachten in Jerusalem


Es ist nicht so, dass ich mit Absicht bis nach Weihnachten gewartet hätte, um diesen Artikel zu schreiben, aber es hat sich doch gelohnt. Dieser Text ist entstanden am 25. Dezember um 7 Uhr 20 und ich war gerade wohlbehalten in mein heimeliges Zimmer in der Jerusalemer Altstadt zurückgekehrt, doch zurück zum Anfang.
Weihnachten in Jerusalem: Um 10:00 Uhr morgens wird man von einer fröhlichen Dänin aufgeweckt und erst einmal aufgefordert eine Runde um den eigenen Weihnachtsbaum zu tanzen.
Ja, wir haben einen Weihnachtsbaum. 2m groß, mit selbstgebastelten Sachen geschmückt und von so kärglicher Gestalt, dass es undenkbar wäre ein solches Exemplar in Deutschland auf dem Markt zu finden.
Im Essraum haben wir auch einen richtigen  (Plastik-) Weihnachtsbaum, der aus einem Kaufhaus sein könnte, aber weiter im Tagesverlauf. Nachdem Weihnachtstanz mit Gesang geht es auch schon weiter. Draußen vor den Toren des Krankenhauses hat sich das Dudelsack Corps des YMCA formiert und unter Trommelwirbel und Stabschwingerei zieht der Umzug aus der Altstadt in die katholischste Residenz vor Ort, das Notre Dame, um von dort aus nach Bethlehem aufzubrechen. Das Mittagessen gestaltet sich dann nach gut-jüdisch, koscherer Art, aber zum Abendessen – so munkelt man – soll es Lachs geben.
Der Nachmittag gestaltet sich äußerst alltäglich. Man bringt Wäsche zum Waschen, bastelt oder sucht noch nach einem Wichtelgeschenk für seine Mitbewohner.
Um 19:00 Uhr gibt es pünktlich Abendessen. Tatsächlich Lachs! Und zwar zwei als Ganzes zubereitete Fische. Dazu gibt es den typisch Humus, Pita, Rot- und Weißwein aus Chile, den für unser Hospital alltäglichen Kartoffelsalat, bestehend aus ganzen Kartoffeln und Hünchenwurst.
Es wird sich ein bisschen eingesungen, der christlich anwesende Teil ist festlich gekleidet, der arabische und jüdische trägt Arbeitskleidung. Beim Essen überlegen wir Volontäre, wo es denn heut Abend hingehen soll. Einige müssen morgen arbeiten, also nichts so Langes. Die Mehrheit entscheidet sich in die katholische Domitiokirche am Rande der Altstadt zu gehen, danach vielleicht noch nach Bethlehem. Ein paar Auserwählte haben Karten für die Mitternachtsmesse in Bethlehem, ein paar andere singen in der evangelischen Erlöserkirche im Chor. Der Gottesdienst beginnt auch in der Domitio erst um Mitternacht, also genug Zeit um ausführlich mit der Familie zu telefonieren/skypen. Tränen fließen. Ein kleiner Teil ist schon schnell wieder zurück und erstaunt, dass der Rest eine so innige Bindung zur Familie hat.
Um 23:00 Uhr geht es los durch die Altstadt, um noch einen Sitzplatz zu ergattern. Dort strömen Gruppierungen in alle erdenklichen Richtungen. Vor der Domitioabtei: mehrere jüdische Touristengruppen, die schon einmal erfahren wollen, was sich am Gottesdienst verändert, wenn der Messias wirklich da war. Ein Gruppenführer hat sich als Kippaersatz eine Nikolausmütze aufgesetzt.
Die Kirche ist schon gut gefüllt, aber als Volontäre bekommen wir noch Plätze auf der Empore. Unten ist der Touristenanteil bei gut 50%. Man fühlt sich ein bisschen an die St. Nikolauskirche in Leipzig vor dem Mauerfall erinnert, wo die normalen Plätze alle von Besucher der besonderen Art belegt wurden.
Durch Volontärs Connections gelingt es uns noch kurz das Programm zu ändern und „Stille Nacht, Heilige Nacht“ einzufügen, das seit Jahren zum ersten Mal nicht gesungen werden sollte. Man fühlt sich gewichtig.
Der Gottesdienst beginnt mit einer Warnung – inzwischen ist nicht einmal mehr ein Stehplatz zu finden: keine Fotos, alle Handys aus. Der Gottesdienst wird auf Deutsch, englisch, hebräisch und Latein abgehalten. Auch für mich teilweise eine fremde Kultur. Stephan neben mir bekreuzigt sich. Ich schau rüber. An keiner Stelle kann es schaden. Weihrauch wird geschwenkt. Die Luft wird schlechter. Die ersten Touristen verlassen die Messe. Nach einer Stunde und 45 Minuten: „Oh du Fröhliche“. Frohe Weihnachten! Der Großteil der jüdischen Gemeinde ist schon früher gegangen.
Es wird entschieden noch gemeinsam nach Bethlehem mitzulaufen. Die Brüder der Domitioabtei überbringen dabei 22.000 Fürbitten nach Bethlehem. Bevor es losgeht, werden ein paar davon vorgelesen. Es sind Härtefälle: Leute, die für vergewaltigte Töchter beten, für Depressionskranke, Unfalltote.
Vor dem Marsch noch eine Stärkung mit echtem importierten Christstollen und Tee.
Noch einmal Weihrauch. Los geht’s.
Die Temperaturen sind angenehm. Weit über dem Gefrierpunkt. Je näher wir an Bethlehem kommen, desto mehr sind die Straßen mit Beleuchtung geschmückt.
Die Wanderung dauert zwei Stunden. Viel Zeit zum Reden und Denken. Der Checkpoint markiert, dass 2/3 geschafft sind. In die Westbank: kein Problem.
Bethlehem 4:40 Uhr: der Muezzin ruft zum Gebet. “Beten ist besser als schlafen”, tönt es. Die Geburtskirche liegt still da. Auf dem Platz davor noch einmal ein unmöglich scheinender Klimax an blinkender Weihnachtsdekoration. Man fühlt sich amerikanisch, wenn da nicht der Muezzin wäre, der einen in die Realität zurückbetet.
Die Grabeskirche ist gerade am leersten. Das Nadelöhr-kleine Eingangstor lässt uns einen Diener machen.
Drinnen traut man seinen Augen nicht! Eine Gruppe schwarzer Amerikaner lässt sich gerade vor einem der vielen Altäre ablichten. Es wird gepost.
Wir werden in die Grotte der unschuldigen Kinder geführt. 50 beten für 22.000.
Von oben schallt eine rockige Gospelmesse mit Schlagwerk herunter. Die Hälfte der Andacht läuft eine indonesische Gruppe durch die Grotte in eine andere, eine Etage tiefer.
Es ist 6:00 Uhr. Man ist wieder wach. Manche müssen um 7:00 Uhr anfangen zu arbeiten, also schnell wieder zum Checkpoint. Unser Taxifahrer ist putzmunter und redet uns auf Hebräisch zu. Einen Volkswagen hat er. Einen Mercedes würde er gern haben. Wir sagen, dass wir in Jerusalem leben. Dort würde er auch gern wohnen, Tel Aviv wäre auch ganz schön, Deutschland natürlich noch schöner.
Checkpoint 300. Ganz Bethlehem strömt zur Arbeit über den Checkpoint nach Jerusalem. Schlange stehen. Vereinzelt sind andere Gottesdienstbesucher auf dem Rückweg. Fiona und Lisa sind die einzigen Mädchen. Immer wieder werden einzelne Araber rausgenommen, gründlich gefilzt. Die israelischen Soldaten sind auch noch nicht richtig wach. Sie wirken wie ganz normale arbeitende Menschen, wenn da nicht diese Fülle an Macht um sie wäre.
Nach  fünf Minuten gehört man zur Schlange, man wünscht ein frohes Fest. Spricht die Sprache des Feindes. Englischkenntnisse sind rar. Der deutsche Pass bringt uns sicher durch. Die Palästinenser müssen noch ihren Fingerabdruck da lassen. Ich will auch, darf aber nicht.
Im Bus wird geschlafen. Fiona ist nun die einzige blondhaarige in einem Bus mit ansonsten nur schwarzhaarigen Männern, größtenteils mit Oberlippenbart und Kurzhaarschnitt. Ich fühle mich an den Schulbus zu Hause erinnert.
7:00 Uhr: wieder im Hospital. Fiona und Marcel fangen an zu arbeiten. Ich setze mich hin und schreibe.
Ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Start ins neue Jahr wünscht Konstantin

Montag, 20. Dezember 2010

Der Weihnachtsmarkt in Stuttgart




Der Weihnachtsmarkt in Stuttgart gehört definitiv zu den überfülltesten im Land. Besonders ab dem 3. Advent füllt sich die Stadt an den Wochenenden mit Bussen aus der Schweiz und die Überquerung des Marktplatzes wird eine Herausforderung der ganz besonderen Art.
Preismäßig liegt er mit dem Dresdener  ungefähr auf demselben Niveau (Glühwein 2,50€, Fondue aus dem Pappbecher 4€) und es ist ebenfalls große Auswahl an Engeln und anderen Holzschnitzereien aus dem Erzgebirge vertreten. 
Dazu gibt es für die als praktisch geltenden Schwaben noch eine große Reihe von Ständen, die ganz unweihnachtliche Haushaltswaren wie Putzmittel, Küchenutensilien sowie besondere Seifen anbieten und anpreisen.
Wer für 7€ auf dem Schlossplatz Schlittschuh fahren will, kann dies auf der kleinen Bahn, die schon seit Mitte November aufgebaut ist, gerne tun, muss aber seine eigenen Schlittschuhe mitbringen oder nochmal 4€ drauflegen.
Doch es lohnt sich auch mit leerem Geldbeutel durch die Stände zu schlendern und den Blick dabei nach oben zu wenden. Jedes Jahr gibt es einen dotierten Preis für das schönste Standdach. Riesige Nussknacker sind dort oben platziert, kitschig-amerikanisch leuchtende Weihnachtsmänner mit Rentierschlitten und auf einem steht sogar ein Bär der Seifenblasen über der Menge verteilt.
Offen hat der Stuttgarter Weihnachtsmarkt dieses Jahr täglich bis neun und am Wochenende des 4. Advents sogar bis 23:00 Uhr wie alle Läden der Innenstadt.

Tipp: Diejenige unter euch, die einen Weihnachtsmarkt in alter Tradition suchen, sollten im von Stuttgart 30 Minuten entfernten Esslingen vorbeischauen.  Dort gibt es nämlich jedes Jahr einen Mittelalter-Weihnachtsmarkt. Von mittelalterlichen Gerichten über fahrendes Volk bis hin zu öffentlichen Badezuber, in denen man in aller Öffentlichkeit in heißem Wasser zu sehen kann wie Leute Mützen und Handschuh bewährt oder einfach angezogen an einem vorbeilaufen. 

Dienstag, 14. Dezember 2010

Chanukkamarkt in Mainz


Eigentlich ist der Weihnachtsmarkt, den ich heute vorstelle streng genommen gar kein Weihnachtsmarkt. Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit findet das jüdische Lichterfest Chanukka statt (der jüdische Kalender ist ein Mondkalender, deshalb fallen die Feste immer etwas anders, dieses Jahr war Chanukka vom 2. Bis 9. Dezember). Gefeiert wird die Befreiung Israels um 170 v. Chr. von der griechischen Vorherrschaft. Das war erfolgreich mit einem Aufstand der Makkabäer geglückt und Jerusalem und der Tempel wurden wieder von den höchsten Priestern kontrolliert. Leider hatte in den Wirren der Unruhen niemand Zeit gefunden geweihtes Olivenöl herzustellen, welches für den Leuchter – die siebenarmige Menora - im Tempel nötig gewesen wäre. Es war nur noch genau ein Krug da, der auch nur für einen Tag reichte, möchte man aber neues geweihtes Öl herstellen benötigt man acht Tage.
Da geschah das Chanukka-Wunder: der Leuchter brannte alle acht Tage mit dem verbliebenen Öl aus dem letzten Krug. Heute wird ähnlich wie bei unserem Adventskranz an jedem Tag der Chanukka-Woche ein weiterer Arm des Chanukka-Leuchters mit acht Hauptarmen (für jeden Tag des Wunders einer) und einem sogenannten Dienerarm angezündet. Dies wird dann auch ausgelassen gefeiert, sowohl in der Synagoge als auch (vorallem) zu Hause. Die Kinder bekommen kleine Geschenke und viele Süßigkeiten, es gibt Festessen und eine ganze Reihe von freudigen Chanukka-Liedern. 

Dies konnte man am 8. Dezember alles in der Synagoge in Mainz bestaunen. Die Gemeinde, bestehend zumeist aus Russland immigrierten Juden, veranstaltet seit diesem Jahr einen Abend, an dem die vorletzte Kerze des großen Chanukka-Leuchters der Gemeinde entzündet wird, und um daraus gleich eine Art Gemeindefest zu machen gab es auch Essen, koscheren Glühwein, Süßigkeiten und Werke von jüd Künstlern zu verkaufen. Der Chanukka-Markt bietet für jede Altersklasse etwas, man kann hier die traditionellen Chanukka-Spielzeuge kaufen, koscheres Essen probieren und auch den etwas exotisch jüdisch-orthodoxen beim Tanz zusehen, falls. man nicht selbst aufgefordert wird mitzumachen. Das Publikum war durchaus gemischt, nicht nur jüdische Gemeindemitglieder sondern auch einfach Neugierige, Studenten, Kinder, Familien.
Doch die Mainzer Synagoge lohnt sich nicht nur zur Chanukka-Zeit. Wer  interessiert an Architektur ist, sollte unbedingt eine Führung durch die sehr moderne Synagoge besuchen. Fertig gestellt im September 2010 nach Plänen von Manuel Herz gehört man also noch fast zu den ersten, die diesen modernen Synagogen-Bau zu Gesicht bekommen. Zwecks Führungen sollte man sich allerdings voranmelden.



Donnerstag, 9. Dezember 2010

Die Weihnachtsmarktserie


Liebe Face2Face-Leser!
Pünktlich zur Mitte dieses Monats beginnt mein Reise-Weihnachtspezial: Eine Vorstellung der diversen Weihnachtsmärkte, die Deutschland zu bieten hat. Dabei interessante Glühweinpreisvergleiche und welche Spezialitäten wirklich nur in diesen Regionen Deutschlands anzutreffen sind.
Heute: Dresden
Der Dresdner Weihnachtsmarkt ist vielleicht der bekannteste Deutschlands. Schon Polit-Prominenz wie Erich Honecker nutzten ihn für inszenierte Auftritte wie bei einem Besuch Kohls (die gesamten Besucher des Marktes bestanden nur aus Stasimitgliedern, um all zu lauten Kohl-rufen vorzubeugen).
Heute gilt es vor allem viele Produkte zu bestaunen, die aus der Gegend – besonders dem Erzgebirge – kommen und zwischen den nach der großen Flut wiedererrichteten Bauten der Altstadt zu wandeln.
Das Räuchermännchen ist meine erste Empfehlung. Ein kleines holzgeschnitztes Männlein mit einem erstaunt offenem Mund aus dem bei Bedarf leckerer Weihnachstduft strömt, so wenn man denn in seinem ausgehölten Bauch eine Räucherkerze anzündet. Die Männchen gibt es inzwischen in fast jeder Gestalt zu kaufen und sind selbstverständlich auch auf anderen Märkten erhältlich, aber aus Dresden stammt eben ihr Ursprung.
Auch diverse Engelschöre sind originale Erfindungen von hier. Sie bieten sich übrigens sehr gut als Geschenke für Menschen an, die jedes Jahr einen Engel schenken wollen, wodurch langsam ein ganzes Heer entsteht. Besonders: Es gibt auch einen Jazz-Engel mit Saxofon.

Getränke und Speisen: Der Glühwein auf dem Dresdner Weihnachtsmarkt ist zum stolzen Preis von 2,50€ erhältlich. Wer noch ein praktisches Andenken will und die Pfandtasse mit dem Bild des Weihnachtsmarktes behalten will, muss nochmal 2€ dalassen. Natürlich ist der Glühwein in allen möglichen Mixturen erhältlich. An manchen Ständen mit einem Schuss Amaretto, an anderen auch mit einer Prise anregendem Ingwer.
Zu essen gibt es aus dem Nachbarbundesland natürlich die bekannten Thüringer Würste für 2€ und die wirklich Dresdener Spezialität der Kramenzer-Wurst (die Betonung liegt auf dem ersten A, bei anderer Aussprache erntet man schon mal ein Schmunzeln).
Auch ist Flammkuchen (6€) und Zuckerwatt, Magenbrot und eigentlich alles, was man sich vorstellen kann, erhältlich.
Bei Tag – und nicht übermäßigem Glühweingenuss – empfiehlt sich auch eine Fahrt auf dem großen Riesenrad auf der gegenüberliegenden Elbseite. Es bietet sich insbesondere mit Schnee ein traumhafter Anblick über die gesamte Dresdener Altstadt.

Schon ein kleiner Ausblick auf nächste Woche: Dann stelle ich euch den Chanukka-Markt in Mainz vor. Ihr dürft also gespannt sein!

Dienstag, 30. November 2010

Das jüdische Museum in Berlin

Ich gebe es zu: Der erste Besuch im jüdischen Museum fällt schwer. Der "Rundgang" führt einen zuerst in den gezackten Keller, dann ins höchste Geschoss und von diesem wieder abwärts bis zum Keller. Auch ist es nicht einfach als Deutscher sich wieder einmal mit der Vergangenheit seines Volkes auseinader zu setzen. Und drittens ist und bleibt die jüdische Kultur eine Schriftkultur, das heißt die Ausstellung wimmelt nur so von Exponaten und Büchern- verfasst in hebräischer Schrift, die auf Uneingeweihte nichtssagend, beinahe wie Hieroglyphen wirkt.

Aber es lohnt sich dennoch. Das Museum erbaut von Daniel Libeskind soll eine Zickzack-Linie gekreuzt von einer Geraden darstellen. Theoretisch vorstellbar, aber von innen relativ verwirrend. Man startet wie schon erwähnt im Keller und wird gleich zu Beginn mit dem Erbe der Naziherrschaft konfrontiert . Es wird einem gezeigt, wo sich all die Juden mit deutschen Wurzeln heute auf der Welt befinden und wie und wann sie fliehen mussten. 
Eindrucksvoll ist dabei der Holocaust-Turm. Besonders wenn man das Museum zu einer Tageszeit besucht, in der es relativ leer ist. Der Turm ist zur Interpretation freigegeben. Man tritt durch eine schwarze Tür in einen vollkommen dunklen, unendlich hoch erscheinenden Raum. Ganz oben ist ein kleiner Spalt, durch den Licht und Geräusche eindringen. Im Winter kommt die Kälte noch hinzu. Es ist gewiss kein Ort an dem man Freude empfindet. Mein Eindruck: Das Licht von oben könnte Hoffnung symbolisieren. Der Turm selbst die innere Leere der Überlebenden.

Nun ist man vorbereitet. Mit der unglücklichen Klimax der deutsch-jüdischen Geschichte im Hinterkopf steigt man auf zu den Wurzeln und Anfängen. Man erfährt viel über die ersten Gemeinden in Worms, Köln, Mainz; kann lernen seinen Namen auf Hebräisch zu schreiben (Konstantin = ( קונסטנטין und nähert sich langsam der Blüte der deutsch-jüdischen Symbiose mit Vertretern wie Mendelsohn, Oppenheim und Mendelsoh-Bartholdy.
Auch kann man viele Worte kennenlernen, die von der Verbindung beider Völker zeugen: Schlamassel, Tacheles, meschugge sind nur einige Beispiele der Lehnworte, die in unsere deutsche Sprache aus dem Jiddischen und Hebräischen eingeflossen sind.
Ein weiterer interessanter Punkt ist auch der Vergleich der drei monotheistischen Religionen Islam, Judentum und Christentum. Die Benutzung von Nischen in den Gotteshäusern, die Vorstellung vom Paradies, die Bedeutung des Kopftuchs und vieles mehr kann man interaktiv an Bildschirmen erkunden.
Ein Stockwerk tiefer ist man schon in der Weimarer Republik und nähert sich den Deportationen.


Hier muss mein persönliches Resumee stehen. Ich habe dieses Museum schon dreimal besucht - in unterschiedlichen Graden meiner Entwicklung und im unterschiedlichen Grad von Halb- und Ganzwissen. Meine ersten zwei Besuche fallen vor meine Zeit in Israel und ich habe alles immer als sehr bedrückend und unvorstellbar wahrgenommen. Schlimmer war es noch im Museum unter dem Holocaust-Denkmal, wo man mit den Biographien einzelner Opfer konfrontiert ist. 


Was ist also mit dem dritten Mal? Nach meiner Israelreise?


Es ist ganz anders, wenn einem von Überlebenden des Holocausts zugesprochen worden ist, dass man stolz sein soll Deutscher zu sein und weiß, dass woanders die Geschichte Israels und Deutschlands weitergeschrieben wird. Es fällt einem leichter durch die Reihen der anklagenden Bilder, die Leichenberge zeigen, zu gehen, denn man weiß um den Lichtspalt oben im Turm.

Dienstag, 23. November 2010

Abu Simbel - Eine Reise


Es ist halb drei nachts in Assuan, der Stadt vor dem Nilstaudamm. Am Vortag haben wir schon einmal verschlafen, aber heute wollen wir es durchziehen. Mühsam quälen Johannes, mein Mitreisender, und ich uns aus den Betten. Im Bad begegnen wir noch kurz unserer Kakerlake, die uns einen schönen Tag wünscht.
Am Ende der Straße wartet schon ein Bus vollgestopft mit anderen Touristen in verschiedenen Zuständen des Halbschlafes. Es ist ein mieses Gerät. Es gibt keine Mittelreihe, denn auch dafür gibt es ausklappbare Sitze auf denen wir Platz nehmen. Wir fahren zum Kohorten-Treffpunkt. Wer nach Abu Simbel will, kommt nur in Militär- und Polizeibegleitung dorthin. Der einzige Linienbus nimmt nur maximal zwei Nicht-Ägypter – mit wegen der Entführungsgefahr, heißt es. Der Sudan ist nicht weit entfernt.
Zwischen allen möglichen Größen von Reisebussen fahren wir gegen vier Uhr endlich los. Über den Assuan-Staudamm hinüber, hinein in die Wüste. Ich würde gerne mehr über die Wüste schreiben können, aber da gibt es einfach nichts, was beschrieben werden könnte. Sand weht über die frisch geteerte Straße, ein Buswrack liegt idyllisch und warnend am Wegesrand, ab-und zu ein paar Gesteinsformationen. Es ist noch kalt draußen – ein riesiger Vorteil unserer Abfahrtszeit.
Johannes hinter mir unterhält sich mit einer deutschen Studierenden aus Kairo. Die Sprache beschäftigt uns. Selbst für ungeschulte Ohren ist das harte arabische Kehlkopf A hörbar, das gegen Süden immer mehr nach vorne im Mund der Sprechenden rutscht.
Auch den Menschen merkt man ihre nubische Vergangenheit an, die nach 4000 Jahren größtenteils der Assuanstausee verschluckt hat, an.
Um acht Uhr sind wir da. Unendliche Mengen von Süßwasser liegen auf der einen Seite. Es ist unglaublich, dass hier ansonsten nur Wüste ist und kein einziger Baum.
Eine Stunde haben wir Zeit, den von der UNESCO geretteten Tempel Ramses des Zweiten zu erkunden. Als freie Reisende fühlen wir uns schon durch diese Zeitvorgabe stark eingeschränkt. Doch es trifft uns noch härter. An der Kasse wird unser Studentenausweis nicht akzeptiert, den wir uns extra für diese Reise anfertigen ließen und der ansonsten in ganz Ägypten gegolten hatte. Aus Verzweiflung versuchen wir es noch mit unserem hebräischen. Der Ticketverkäufer betrachtet ihn mit gerunzelter Stirn und gibt ihn uns schleunigst zurück, als er erfährt, dass er in Feindesland ausgestellt wurde. Wir sind unten durch.
Murrend bezahlen wir den vollen Eintritt, der dreimal so hoch ist wie der zur Pyramide Cheops des Ersten.
Der Tempel – ein monumental Bau –, der die Macht des ägyptischen Pharaos nach Süden absichern sollte, zeigt Kampfszenen des größten Kriegs- und Baupharaos. Man merkt nicht, dass er komplett zersägt und erhöht wieder erbaut wurde.
Wir ärgern uns, denn wir sehen uns als Erretter dieses Tempels an. Wer bezahlt denn schließlich die UNESCO?
Selbstverständlich versuchen wir unerlaubt Fotos zu machen, aber es gibt genügend Wächter, die von unserem Eintrittsgeld dafür bezahlt werden, uns davon abzuhalten.
Nach der Tempelbesichtigung sitzen wir ziemlich frustriert am Ufer des Sees. Unter uns die nun überschwemmte Höhle, wo der Tempel einst gestanden hatte.
Auch der Weg zum Bus zurück ist kein Vergnügen. Für alle Händler rund um den Tempel ist diese Stunde die wichtigste des Tages. Dies ist ihr Lebenserhalt. Ohne die Touristen wäre kein Leben in Abu Simbel möglich.
Inzwischen sind wir schon wieder auf der Rückfahrt und liefern uns ein Wettrennen mit Hitze und Sonne. Dreieinhalb Stunden dauert es bis wir wieder den Assuanstaudamm überqueren.
Wir haben es geschafft! Wir waren in der südlichsten Stadt  Ägyptens. Tausend Kilometer von Israel entfernt ohne irgendetwas je richtig geplant zu haben. Aber es war auch unser Sättigungspunkt. Von hier an beginnt unsere Rückreise. Weg von einem Land, indem man als Mensch ganz auf Tourist und Kaufkraft reduziert ist, aber auch weiß, dass darin die einzige Chance der dort lebenden Menschen liegt.

Dienstag, 16. November 2010

Die grüne Zitadelle in Magdeburg


Bei meinem ersten Besuch in Magdeburg hatte ich vor allem zwei Gedanken im Kopf: ehemalige-DDR und zerstört im dreißig-jährigen Krieg.  Und so begann ich dann auch alles, was ich sah einzuordnen: DDR in Form von Hochhäusern. DDR in Form von sozialistischem Klassizismus. Der Marktplatz mit dem Till Eulenspiegel-Brunnen. Das Reiterstandbild Otto des 1. Und das Otto von Guericke Denkmal.
Doch ein Gebäude passte nicht hinein:
Friedensreich Hundertwasser hat hier eines seiner letzten Projekte fertiggestellt. Das Gebäude erinnert der Größe nach wirklich an einen Festungsblock, an eine Zitadelle. Doch die Architektur spricht eine andere Sprache: Kein Fenster gleicht dem anderen, kein Boden ist gerade und die unterschiedlichsten Säulen stützen das Gebäude nach oben.
Eigentlich hätte jeder Bewohner das Recht im Umkreis seines Fensters die Wände neu zu bemalen, aber bis jetzt hat sich das noch keiner getraut.
Jedoch erfüllen die Bewohner eine andere Besonderheit dieses Hauses mit viel Pflichtbewusstsein: Da jeder von ihnen der Natur einen Baum schuldet, der ihr durch den Bau der Zitadelle genommen wurde, gilt es die Veranden und Balkone mit kleinen grünen Wuschelköpfen und Kletterpflanzen zu begrünen.
Daher auch der Name „grüne Zitadelle“, was auch durch das begrünte Dach ersichtlich wird.
 Ein besonderes Highlight dieses Hauses ist noch – außer das etwas teurere Privileg zu haben in ihm zu wohnen – die Möglichkeit sich im höchsten Turm im obersten Zimmer standesamtlich trauen zu lassen.
Wer dann ein paar Jahre später immer noch an diesem Haus hängt, braucht nicht einmal seine Kinder hinaus zu schicken, denn es gibt auch einen Kindergarten.
Nun aber zurück zum Anfangsparadoxon: Warum ist die grüne Zitadelle pink?
Nebenan steht ein großes Bankgebäude. Erbaut aus einem seltenen blauen Marmor, soll es die Bank natürlich in ein elegantes Licht stellen. Doch laut Hundertwasser: „…wird das blau erblassen, sobald die Sonne zum Vorschein kommt und mein Gebäude erstrahlen.“