Dienstag, 30. November 2010

Das jüdische Museum in Berlin

Ich gebe es zu: Der erste Besuch im jüdischen Museum fällt schwer. Der "Rundgang" führt einen zuerst in den gezackten Keller, dann ins höchste Geschoss und von diesem wieder abwärts bis zum Keller. Auch ist es nicht einfach als Deutscher sich wieder einmal mit der Vergangenheit seines Volkes auseinader zu setzen. Und drittens ist und bleibt die jüdische Kultur eine Schriftkultur, das heißt die Ausstellung wimmelt nur so von Exponaten und Büchern- verfasst in hebräischer Schrift, die auf Uneingeweihte nichtssagend, beinahe wie Hieroglyphen wirkt.

Aber es lohnt sich dennoch. Das Museum erbaut von Daniel Libeskind soll eine Zickzack-Linie gekreuzt von einer Geraden darstellen. Theoretisch vorstellbar, aber von innen relativ verwirrend. Man startet wie schon erwähnt im Keller und wird gleich zu Beginn mit dem Erbe der Naziherrschaft konfrontiert . Es wird einem gezeigt, wo sich all die Juden mit deutschen Wurzeln heute auf der Welt befinden und wie und wann sie fliehen mussten. 
Eindrucksvoll ist dabei der Holocaust-Turm. Besonders wenn man das Museum zu einer Tageszeit besucht, in der es relativ leer ist. Der Turm ist zur Interpretation freigegeben. Man tritt durch eine schwarze Tür in einen vollkommen dunklen, unendlich hoch erscheinenden Raum. Ganz oben ist ein kleiner Spalt, durch den Licht und Geräusche eindringen. Im Winter kommt die Kälte noch hinzu. Es ist gewiss kein Ort an dem man Freude empfindet. Mein Eindruck: Das Licht von oben könnte Hoffnung symbolisieren. Der Turm selbst die innere Leere der Überlebenden.

Nun ist man vorbereitet. Mit der unglücklichen Klimax der deutsch-jüdischen Geschichte im Hinterkopf steigt man auf zu den Wurzeln und Anfängen. Man erfährt viel über die ersten Gemeinden in Worms, Köln, Mainz; kann lernen seinen Namen auf Hebräisch zu schreiben (Konstantin = ( קונסטנטין und nähert sich langsam der Blüte der deutsch-jüdischen Symbiose mit Vertretern wie Mendelsohn, Oppenheim und Mendelsoh-Bartholdy.
Auch kann man viele Worte kennenlernen, die von der Verbindung beider Völker zeugen: Schlamassel, Tacheles, meschugge sind nur einige Beispiele der Lehnworte, die in unsere deutsche Sprache aus dem Jiddischen und Hebräischen eingeflossen sind.
Ein weiterer interessanter Punkt ist auch der Vergleich der drei monotheistischen Religionen Islam, Judentum und Christentum. Die Benutzung von Nischen in den Gotteshäusern, die Vorstellung vom Paradies, die Bedeutung des Kopftuchs und vieles mehr kann man interaktiv an Bildschirmen erkunden.
Ein Stockwerk tiefer ist man schon in der Weimarer Republik und nähert sich den Deportationen.


Hier muss mein persönliches Resumee stehen. Ich habe dieses Museum schon dreimal besucht - in unterschiedlichen Graden meiner Entwicklung und im unterschiedlichen Grad von Halb- und Ganzwissen. Meine ersten zwei Besuche fallen vor meine Zeit in Israel und ich habe alles immer als sehr bedrückend und unvorstellbar wahrgenommen. Schlimmer war es noch im Museum unter dem Holocaust-Denkmal, wo man mit den Biographien einzelner Opfer konfrontiert ist. 


Was ist also mit dem dritten Mal? Nach meiner Israelreise?


Es ist ganz anders, wenn einem von Überlebenden des Holocausts zugesprochen worden ist, dass man stolz sein soll Deutscher zu sein und weiß, dass woanders die Geschichte Israels und Deutschlands weitergeschrieben wird. Es fällt einem leichter durch die Reihen der anklagenden Bilder, die Leichenberge zeigen, zu gehen, denn man weiß um den Lichtspalt oben im Turm.

Dienstag, 23. November 2010

Abu Simbel - Eine Reise


Es ist halb drei nachts in Assuan, der Stadt vor dem Nilstaudamm. Am Vortag haben wir schon einmal verschlafen, aber heute wollen wir es durchziehen. Mühsam quälen Johannes, mein Mitreisender, und ich uns aus den Betten. Im Bad begegnen wir noch kurz unserer Kakerlake, die uns einen schönen Tag wünscht.
Am Ende der Straße wartet schon ein Bus vollgestopft mit anderen Touristen in verschiedenen Zuständen des Halbschlafes. Es ist ein mieses Gerät. Es gibt keine Mittelreihe, denn auch dafür gibt es ausklappbare Sitze auf denen wir Platz nehmen. Wir fahren zum Kohorten-Treffpunkt. Wer nach Abu Simbel will, kommt nur in Militär- und Polizeibegleitung dorthin. Der einzige Linienbus nimmt nur maximal zwei Nicht-Ägypter – mit wegen der Entführungsgefahr, heißt es. Der Sudan ist nicht weit entfernt.
Zwischen allen möglichen Größen von Reisebussen fahren wir gegen vier Uhr endlich los. Über den Assuan-Staudamm hinüber, hinein in die Wüste. Ich würde gerne mehr über die Wüste schreiben können, aber da gibt es einfach nichts, was beschrieben werden könnte. Sand weht über die frisch geteerte Straße, ein Buswrack liegt idyllisch und warnend am Wegesrand, ab-und zu ein paar Gesteinsformationen. Es ist noch kalt draußen – ein riesiger Vorteil unserer Abfahrtszeit.
Johannes hinter mir unterhält sich mit einer deutschen Studierenden aus Kairo. Die Sprache beschäftigt uns. Selbst für ungeschulte Ohren ist das harte arabische Kehlkopf A hörbar, das gegen Süden immer mehr nach vorne im Mund der Sprechenden rutscht.
Auch den Menschen merkt man ihre nubische Vergangenheit an, die nach 4000 Jahren größtenteils der Assuanstausee verschluckt hat, an.
Um acht Uhr sind wir da. Unendliche Mengen von Süßwasser liegen auf der einen Seite. Es ist unglaublich, dass hier ansonsten nur Wüste ist und kein einziger Baum.
Eine Stunde haben wir Zeit, den von der UNESCO geretteten Tempel Ramses des Zweiten zu erkunden. Als freie Reisende fühlen wir uns schon durch diese Zeitvorgabe stark eingeschränkt. Doch es trifft uns noch härter. An der Kasse wird unser Studentenausweis nicht akzeptiert, den wir uns extra für diese Reise anfertigen ließen und der ansonsten in ganz Ägypten gegolten hatte. Aus Verzweiflung versuchen wir es noch mit unserem hebräischen. Der Ticketverkäufer betrachtet ihn mit gerunzelter Stirn und gibt ihn uns schleunigst zurück, als er erfährt, dass er in Feindesland ausgestellt wurde. Wir sind unten durch.
Murrend bezahlen wir den vollen Eintritt, der dreimal so hoch ist wie der zur Pyramide Cheops des Ersten.
Der Tempel – ein monumental Bau –, der die Macht des ägyptischen Pharaos nach Süden absichern sollte, zeigt Kampfszenen des größten Kriegs- und Baupharaos. Man merkt nicht, dass er komplett zersägt und erhöht wieder erbaut wurde.
Wir ärgern uns, denn wir sehen uns als Erretter dieses Tempels an. Wer bezahlt denn schließlich die UNESCO?
Selbstverständlich versuchen wir unerlaubt Fotos zu machen, aber es gibt genügend Wächter, die von unserem Eintrittsgeld dafür bezahlt werden, uns davon abzuhalten.
Nach der Tempelbesichtigung sitzen wir ziemlich frustriert am Ufer des Sees. Unter uns die nun überschwemmte Höhle, wo der Tempel einst gestanden hatte.
Auch der Weg zum Bus zurück ist kein Vergnügen. Für alle Händler rund um den Tempel ist diese Stunde die wichtigste des Tages. Dies ist ihr Lebenserhalt. Ohne die Touristen wäre kein Leben in Abu Simbel möglich.
Inzwischen sind wir schon wieder auf der Rückfahrt und liefern uns ein Wettrennen mit Hitze und Sonne. Dreieinhalb Stunden dauert es bis wir wieder den Assuanstaudamm überqueren.
Wir haben es geschafft! Wir waren in der südlichsten Stadt  Ägyptens. Tausend Kilometer von Israel entfernt ohne irgendetwas je richtig geplant zu haben. Aber es war auch unser Sättigungspunkt. Von hier an beginnt unsere Rückreise. Weg von einem Land, indem man als Mensch ganz auf Tourist und Kaufkraft reduziert ist, aber auch weiß, dass darin die einzige Chance der dort lebenden Menschen liegt.

Dienstag, 16. November 2010

Die grüne Zitadelle in Magdeburg


Bei meinem ersten Besuch in Magdeburg hatte ich vor allem zwei Gedanken im Kopf: ehemalige-DDR und zerstört im dreißig-jährigen Krieg.  Und so begann ich dann auch alles, was ich sah einzuordnen: DDR in Form von Hochhäusern. DDR in Form von sozialistischem Klassizismus. Der Marktplatz mit dem Till Eulenspiegel-Brunnen. Das Reiterstandbild Otto des 1. Und das Otto von Guericke Denkmal.
Doch ein Gebäude passte nicht hinein:
Friedensreich Hundertwasser hat hier eines seiner letzten Projekte fertiggestellt. Das Gebäude erinnert der Größe nach wirklich an einen Festungsblock, an eine Zitadelle. Doch die Architektur spricht eine andere Sprache: Kein Fenster gleicht dem anderen, kein Boden ist gerade und die unterschiedlichsten Säulen stützen das Gebäude nach oben.
Eigentlich hätte jeder Bewohner das Recht im Umkreis seines Fensters die Wände neu zu bemalen, aber bis jetzt hat sich das noch keiner getraut.
Jedoch erfüllen die Bewohner eine andere Besonderheit dieses Hauses mit viel Pflichtbewusstsein: Da jeder von ihnen der Natur einen Baum schuldet, der ihr durch den Bau der Zitadelle genommen wurde, gilt es die Veranden und Balkone mit kleinen grünen Wuschelköpfen und Kletterpflanzen zu begrünen.
Daher auch der Name „grüne Zitadelle“, was auch durch das begrünte Dach ersichtlich wird.
 Ein besonderes Highlight dieses Hauses ist noch – außer das etwas teurere Privileg zu haben in ihm zu wohnen – die Möglichkeit sich im höchsten Turm im obersten Zimmer standesamtlich trauen zu lassen.
Wer dann ein paar Jahre später immer noch an diesem Haus hängt, braucht nicht einmal seine Kinder hinaus zu schicken, denn es gibt auch einen Kindergarten.
Nun aber zurück zum Anfangsparadoxon: Warum ist die grüne Zitadelle pink?
Nebenan steht ein großes Bankgebäude. Erbaut aus einem seltenen blauen Marmor, soll es die Bank natürlich in ein elegantes Licht stellen. Doch laut Hundertwasser: „…wird das blau erblassen, sobald die Sonne zum Vorschein kommt und mein Gebäude erstrahlen.“

Mittwoch, 10. November 2010

Vorstellung

Da ich in Stuttgart wohne und in Mannheim studiere, gehört das Reisen an sich schon zu meinem Alltag. Dennoch habe ich auch schon Größeres hinter und vor mir. Mein letztes Jahr habe ich in Jerusalem/Israel verbracht und von dort aus auch die Nachbarländer Jordanien und Ägypten bereist. Selbstverständlich führten mich meine Ausflüge auch in der Westbank und Israel herum. Gerade ist Deutschland mein Erkundungsobjekt. Es gilt Freunde in Frankfurt, Berlin, Dresden zu besuchen und auch diese Eindrücke hier zu verarbeiten.
Meine Sommerreisepläne werden mich entweder zu einem Teil meiner Wurzeln nach Rumänien führen oder nach Dänemark. Aber vielleicht könnt ihr mir ja bei dieser Entscheidung helfen???
 Reisen hat immer etwas mit der Berührung anderer Kulturen zu tun. Wer nicht berührt, sondern sich an den Hotel-Pool klammert, war fort, aber nicht dort. Genauso derjenige, der schon so viel über einen Ort gelesen hat, als ob er dagewesen wäre.
Meine Berichte werden rein subjektiv sein und sind zudem nur ein kleiner Ausschnitt alles Erlebten. Deswegen: wer erfahren will, wie es wirklich ist, gehe hinaus und reise!

Bei Fragen, Kritik und Anregungen könnt ihr euch gerne an folgende E-mail-Adresse wenden: konstantin-facetoface@web.de