Es ist halb drei nachts in Assuan, der Stadt vor dem Nilstaudamm. Am Vortag haben wir schon einmal verschlafen, aber heute wollen wir es durchziehen. Mühsam quälen Johannes, mein Mitreisender, und ich uns aus den Betten. Im Bad begegnen wir noch kurz unserer Kakerlake, die uns einen schönen Tag wünscht.
Am Ende der Straße wartet schon ein Bus vollgestopft mit anderen Touristen in verschiedenen Zuständen des Halbschlafes. Es ist ein mieses Gerät. Es gibt keine Mittelreihe, denn auch dafür gibt es ausklappbare Sitze auf denen wir Platz nehmen. Wir fahren zum Kohorten-Treffpunkt. Wer nach Abu Simbel will, kommt nur in Militär- und Polizeibegleitung dorthin. Der einzige Linienbus nimmt nur maximal zwei Nicht-Ägypter – mit wegen der Entführungsgefahr, heißt es. Der Sudan ist nicht weit entfernt.
Zwischen allen möglichen Größen von Reisebussen fahren wir gegen vier Uhr endlich los. Über den Assuan-Staudamm hinüber, hinein in die Wüste. Ich würde gerne mehr über die Wüste schreiben können, aber da gibt es einfach nichts, was beschrieben werden könnte. Sand weht über die frisch geteerte Straße, ein Buswrack liegt idyllisch und warnend am Wegesrand, ab-und zu ein paar Gesteinsformationen. Es ist noch kalt draußen – ein riesiger Vorteil unserer Abfahrtszeit.
Johannes hinter mir unterhält sich mit einer deutschen Studierenden aus Kairo. Die Sprache beschäftigt uns. Selbst für ungeschulte Ohren ist das harte arabische Kehlkopf A hörbar, das gegen Süden immer mehr nach vorne im Mund der Sprechenden rutscht.
Auch den Menschen merkt man ihre nubische Vergangenheit an, die nach 4000 Jahren größtenteils der Assuanstausee verschluckt hat, an.
Um acht Uhr sind wir da. Unendliche Mengen von Süßwasser liegen auf der einen Seite. Es ist unglaublich, dass hier ansonsten nur Wüste ist und kein einziger Baum.
Eine Stunde haben wir Zeit, den von der UNESCO geretteten Tempel Ramses des Zweiten zu erkunden. Als freie Reisende fühlen wir uns schon durch diese Zeitvorgabe stark eingeschränkt. Doch es trifft uns noch härter. An der Kasse wird unser Studentenausweis nicht akzeptiert, den wir uns extra für diese Reise anfertigen ließen und der ansonsten in ganz Ägypten gegolten hatte. Aus Verzweiflung versuchen wir es noch mit unserem hebräischen. Der Ticketverkäufer betrachtet ihn mit gerunzelter Stirn und gibt ihn uns schleunigst zurück, als er erfährt, dass er in Feindesland ausgestellt wurde. Wir sind unten durch.
Murrend bezahlen wir den vollen Eintritt, der dreimal so hoch ist wie der zur Pyramide Cheops des Ersten.
Der Tempel – ein monumental Bau –, der die Macht des ägyptischen Pharaos nach Süden absichern sollte, zeigt Kampfszenen des größten Kriegs- und Baupharaos. Man merkt nicht, dass er komplett zersägt und erhöht wieder erbaut wurde.
Wir ärgern uns, denn wir sehen uns als Erretter dieses Tempels an. Wer bezahlt denn schließlich die UNESCO?
Selbstverständlich versuchen wir unerlaubt Fotos zu machen, aber es gibt genügend Wächter, die von unserem Eintrittsgeld dafür bezahlt werden, uns davon abzuhalten.
Nach der Tempelbesichtigung sitzen wir ziemlich frustriert am Ufer des Sees. Unter uns die nun überschwemmte Höhle, wo der Tempel einst gestanden hatte.
Auch der Weg zum Bus zurück ist kein Vergnügen. Für alle Händler rund um den Tempel ist diese Stunde die wichtigste des Tages. Dies ist ihr Lebenserhalt. Ohne die Touristen wäre kein Leben in Abu Simbel möglich.
Inzwischen sind wir schon wieder auf der Rückfahrt und liefern uns ein Wettrennen mit Hitze und Sonne. Dreieinhalb Stunden dauert es bis wir wieder den Assuanstaudamm überqueren.
Wir haben es geschafft! Wir waren in der südlichsten Stadt Ägyptens. Tausend Kilometer von Israel entfernt ohne irgendetwas je richtig geplant zu haben. Aber es war auch unser Sättigungspunkt. Von hier an beginnt unsere Rückreise. Weg von einem Land, indem man als Mensch ganz auf Tourist und Kaufkraft reduziert ist, aber auch weiß, dass darin die einzige Chance der dort lebenden Menschen liegt.

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