Es ist nicht
so, dass ich mit Absicht bis nach Weihnachten gewartet hätte, um diesen Artikel
zu schreiben, aber es hat sich doch gelohnt. Dieser Text ist entstanden am 25.
Dezember um 7 Uhr 20 und ich war gerade wohlbehalten in mein heimeliges Zimmer
in der Jerusalemer Altstadt zurückgekehrt, doch zurück zum Anfang.
Weihnachten
in Jerusalem: Um 10:00 Uhr morgens wird man von einer fröhlichen Dänin
aufgeweckt und erst einmal aufgefordert eine Runde um den eigenen
Weihnachtsbaum zu tanzen.
Ja, wir haben einen Weihnachtsbaum. 2m groß, mit selbstgebastelten Sachen geschmückt und von so kärglicher Gestalt, dass es undenkbar wäre ein solches Exemplar in Deutschland auf dem Markt zu finden.
Im Essraum haben wir auch einen richtigen (Plastik-) Weihnachtsbaum, der aus einem Kaufhaus sein könnte, aber weiter im Tagesverlauf. Nachdem Weihnachtstanz mit Gesang geht es auch schon weiter. Draußen vor den Toren des Krankenhauses hat sich das Dudelsack Corps des YMCA formiert und unter Trommelwirbel und Stabschwingerei zieht der Umzug aus der Altstadt in die katholischste Residenz vor Ort, das Notre Dame, um von dort aus nach Bethlehem aufzubrechen. Das Mittagessen gestaltet sich dann nach gut-jüdisch, koscherer Art, aber zum Abendessen – so munkelt man – soll es Lachs geben.
Der Nachmittag gestaltet sich äußerst alltäglich. Man bringt Wäsche zum Waschen, bastelt oder sucht noch nach einem Wichtelgeschenk für seine Mitbewohner.
Um 19:00 Uhr gibt es pünktlich Abendessen. Tatsächlich Lachs! Und zwar zwei als Ganzes zubereitete Fische. Dazu gibt es den typisch Humus, Pita, Rot- und Weißwein aus Chile, den für unser Hospital alltäglichen Kartoffelsalat, bestehend aus ganzen Kartoffeln und Hünchenwurst.
Es wird sich ein bisschen eingesungen, der christlich anwesende Teil ist festlich gekleidet, der arabische und jüdische trägt Arbeitskleidung. Beim Essen überlegen wir Volontäre, wo es denn heut Abend hingehen soll. Einige müssen morgen arbeiten, also nichts so Langes. Die Mehrheit entscheidet sich in die katholische Domitiokirche am Rande der Altstadt zu gehen, danach vielleicht noch nach Bethlehem. Ein paar Auserwählte haben Karten für die Mitternachtsmesse in Bethlehem, ein paar andere singen in der evangelischen Erlöserkirche im Chor. Der Gottesdienst beginnt auch in der Domitio erst um Mitternacht, also genug Zeit um ausführlich mit der Familie zu telefonieren/skypen. Tränen fließen. Ein kleiner Teil ist schon schnell wieder zurück und erstaunt, dass der Rest eine so innige Bindung zur Familie hat.
Um 23:00 Uhr geht es los durch die Altstadt, um noch einen Sitzplatz zu ergattern. Dort strömen Gruppierungen in alle erdenklichen Richtungen. Vor der Domitioabtei: mehrere jüdische Touristengruppen, die schon einmal erfahren wollen, was sich am Gottesdienst verändert, wenn der Messias wirklich da war. Ein Gruppenführer hat sich als Kippaersatz eine Nikolausmütze aufgesetzt.
Die Kirche ist schon gut gefüllt, aber als Volontäre bekommen wir noch Plätze auf der Empore. Unten ist der Touristenanteil bei gut 50%. Man fühlt sich ein bisschen an die St. Nikolauskirche in Leipzig vor dem Mauerfall erinnert, wo die normalen Plätze alle von Besucher der besonderen Art belegt wurden.
Durch Volontärs Connections gelingt es uns noch kurz das Programm zu ändern und „Stille Nacht, Heilige Nacht“ einzufügen, das seit Jahren zum ersten Mal nicht gesungen werden sollte. Man fühlt sich gewichtig.
Der Gottesdienst beginnt mit einer Warnung – inzwischen ist nicht einmal mehr ein Stehplatz zu finden: keine Fotos, alle Handys aus. Der Gottesdienst wird auf Deutsch, englisch, hebräisch und Latein abgehalten. Auch für mich teilweise eine fremde Kultur. Stephan neben mir bekreuzigt sich. Ich schau rüber. An keiner Stelle kann es schaden. Weihrauch wird geschwenkt. Die Luft wird schlechter. Die ersten Touristen verlassen die Messe. Nach einer Stunde und 45 Minuten: „Oh du Fröhliche“. Frohe Weihnachten! Der Großteil der jüdischen Gemeinde ist schon früher gegangen.
Es wird entschieden noch gemeinsam nach Bethlehem mitzulaufen. Die Brüder der Domitioabtei überbringen dabei 22.000 Fürbitten nach Bethlehem. Bevor es losgeht, werden ein paar davon vorgelesen. Es sind Härtefälle: Leute, die für vergewaltigte Töchter beten, für Depressionskranke, Unfalltote.
Vor dem Marsch noch eine Stärkung mit echtem importierten Christstollen und Tee.
Noch einmal Weihrauch. Los geht’s.
Die Temperaturen sind angenehm. Weit über dem Gefrierpunkt. Je näher wir an Bethlehem kommen, desto mehr sind die Straßen mit Beleuchtung geschmückt.
Die Wanderung dauert zwei Stunden. Viel Zeit zum Reden und Denken. Der Checkpoint markiert, dass 2/3 geschafft sind. In die Westbank: kein Problem.
Bethlehem 4:40 Uhr: der Muezzin ruft zum Gebet. “Beten ist besser als schlafen”, tönt es. Die Geburtskirche liegt still da. Auf dem Platz davor noch einmal ein unmöglich scheinender Klimax an blinkender Weihnachtsdekoration. Man fühlt sich amerikanisch, wenn da nicht der Muezzin wäre, der einen in die Realität zurückbetet.
Die Grabeskirche ist gerade am leersten. Das Nadelöhr-kleine Eingangstor lässt uns einen Diener machen.
Drinnen traut man seinen Augen nicht! Eine Gruppe schwarzer Amerikaner lässt sich gerade vor einem der vielen Altäre ablichten. Es wird gepost.
Wir werden in die Grotte der unschuldigen Kinder geführt. 50 beten für 22.000.
Von oben schallt eine rockige Gospelmesse mit Schlagwerk herunter. Die Hälfte der Andacht läuft eine indonesische Gruppe durch die Grotte in eine andere, eine Etage tiefer.
Es ist 6:00 Uhr. Man ist wieder wach. Manche müssen um 7:00 Uhr anfangen zu arbeiten, also schnell wieder zum Checkpoint. Unser Taxifahrer ist putzmunter und redet uns auf Hebräisch zu. Einen Volkswagen hat er. Einen Mercedes würde er gern haben. Wir sagen, dass wir in Jerusalem leben. Dort würde er auch gern wohnen, Tel Aviv wäre auch ganz schön, Deutschland natürlich noch schöner.
Checkpoint 300. Ganz Bethlehem strömt zur Arbeit über den Checkpoint nach Jerusalem. Schlange stehen. Vereinzelt sind andere Gottesdienstbesucher auf dem Rückweg. Fiona und Lisa sind die einzigen Mädchen. Immer wieder werden einzelne Araber rausgenommen, gründlich gefilzt. Die israelischen Soldaten sind auch noch nicht richtig wach. Sie wirken wie ganz normale arbeitende Menschen, wenn da nicht diese Fülle an Macht um sie wäre.
Nach fünf Minuten gehört man zur Schlange, man wünscht ein frohes Fest. Spricht die Sprache des Feindes. Englischkenntnisse sind rar. Der deutsche Pass bringt uns sicher durch. Die Palästinenser müssen noch ihren Fingerabdruck da lassen. Ich will auch, darf aber nicht.
Im Bus wird geschlafen. Fiona ist nun die einzige blondhaarige in einem Bus mit ansonsten nur schwarzhaarigen Männern, größtenteils mit Oberlippenbart und Kurzhaarschnitt. Ich fühle mich an den Schulbus zu Hause erinnert.
7:00 Uhr: wieder im Hospital. Fiona und Marcel fangen an zu arbeiten. Ich setze mich hin und schreibe.
Ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Start ins
neue Jahr wünscht Konstantin
Ja, wir haben einen Weihnachtsbaum. 2m groß, mit selbstgebastelten Sachen geschmückt und von so kärglicher Gestalt, dass es undenkbar wäre ein solches Exemplar in Deutschland auf dem Markt zu finden.
Im Essraum haben wir auch einen richtigen (Plastik-) Weihnachtsbaum, der aus einem Kaufhaus sein könnte, aber weiter im Tagesverlauf. Nachdem Weihnachtstanz mit Gesang geht es auch schon weiter. Draußen vor den Toren des Krankenhauses hat sich das Dudelsack Corps des YMCA formiert und unter Trommelwirbel und Stabschwingerei zieht der Umzug aus der Altstadt in die katholischste Residenz vor Ort, das Notre Dame, um von dort aus nach Bethlehem aufzubrechen. Das Mittagessen gestaltet sich dann nach gut-jüdisch, koscherer Art, aber zum Abendessen – so munkelt man – soll es Lachs geben.
Der Nachmittag gestaltet sich äußerst alltäglich. Man bringt Wäsche zum Waschen, bastelt oder sucht noch nach einem Wichtelgeschenk für seine Mitbewohner.
Um 19:00 Uhr gibt es pünktlich Abendessen. Tatsächlich Lachs! Und zwar zwei als Ganzes zubereitete Fische. Dazu gibt es den typisch Humus, Pita, Rot- und Weißwein aus Chile, den für unser Hospital alltäglichen Kartoffelsalat, bestehend aus ganzen Kartoffeln und Hünchenwurst.
Es wird sich ein bisschen eingesungen, der christlich anwesende Teil ist festlich gekleidet, der arabische und jüdische trägt Arbeitskleidung. Beim Essen überlegen wir Volontäre, wo es denn heut Abend hingehen soll. Einige müssen morgen arbeiten, also nichts so Langes. Die Mehrheit entscheidet sich in die katholische Domitiokirche am Rande der Altstadt zu gehen, danach vielleicht noch nach Bethlehem. Ein paar Auserwählte haben Karten für die Mitternachtsmesse in Bethlehem, ein paar andere singen in der evangelischen Erlöserkirche im Chor. Der Gottesdienst beginnt auch in der Domitio erst um Mitternacht, also genug Zeit um ausführlich mit der Familie zu telefonieren/skypen. Tränen fließen. Ein kleiner Teil ist schon schnell wieder zurück und erstaunt, dass der Rest eine so innige Bindung zur Familie hat.
Um 23:00 Uhr geht es los durch die Altstadt, um noch einen Sitzplatz zu ergattern. Dort strömen Gruppierungen in alle erdenklichen Richtungen. Vor der Domitioabtei: mehrere jüdische Touristengruppen, die schon einmal erfahren wollen, was sich am Gottesdienst verändert, wenn der Messias wirklich da war. Ein Gruppenführer hat sich als Kippaersatz eine Nikolausmütze aufgesetzt.
Die Kirche ist schon gut gefüllt, aber als Volontäre bekommen wir noch Plätze auf der Empore. Unten ist der Touristenanteil bei gut 50%. Man fühlt sich ein bisschen an die St. Nikolauskirche in Leipzig vor dem Mauerfall erinnert, wo die normalen Plätze alle von Besucher der besonderen Art belegt wurden.
Durch Volontärs Connections gelingt es uns noch kurz das Programm zu ändern und „Stille Nacht, Heilige Nacht“ einzufügen, das seit Jahren zum ersten Mal nicht gesungen werden sollte. Man fühlt sich gewichtig.
Der Gottesdienst beginnt mit einer Warnung – inzwischen ist nicht einmal mehr ein Stehplatz zu finden: keine Fotos, alle Handys aus. Der Gottesdienst wird auf Deutsch, englisch, hebräisch und Latein abgehalten. Auch für mich teilweise eine fremde Kultur. Stephan neben mir bekreuzigt sich. Ich schau rüber. An keiner Stelle kann es schaden. Weihrauch wird geschwenkt. Die Luft wird schlechter. Die ersten Touristen verlassen die Messe. Nach einer Stunde und 45 Minuten: „Oh du Fröhliche“. Frohe Weihnachten! Der Großteil der jüdischen Gemeinde ist schon früher gegangen.
Es wird entschieden noch gemeinsam nach Bethlehem mitzulaufen. Die Brüder der Domitioabtei überbringen dabei 22.000 Fürbitten nach Bethlehem. Bevor es losgeht, werden ein paar davon vorgelesen. Es sind Härtefälle: Leute, die für vergewaltigte Töchter beten, für Depressionskranke, Unfalltote.
Vor dem Marsch noch eine Stärkung mit echtem importierten Christstollen und Tee.
Noch einmal Weihrauch. Los geht’s.
Die Temperaturen sind angenehm. Weit über dem Gefrierpunkt. Je näher wir an Bethlehem kommen, desto mehr sind die Straßen mit Beleuchtung geschmückt.
Die Wanderung dauert zwei Stunden. Viel Zeit zum Reden und Denken. Der Checkpoint markiert, dass 2/3 geschafft sind. In die Westbank: kein Problem.
Bethlehem 4:40 Uhr: der Muezzin ruft zum Gebet. “Beten ist besser als schlafen”, tönt es. Die Geburtskirche liegt still da. Auf dem Platz davor noch einmal ein unmöglich scheinender Klimax an blinkender Weihnachtsdekoration. Man fühlt sich amerikanisch, wenn da nicht der Muezzin wäre, der einen in die Realität zurückbetet.
Die Grabeskirche ist gerade am leersten. Das Nadelöhr-kleine Eingangstor lässt uns einen Diener machen.
Drinnen traut man seinen Augen nicht! Eine Gruppe schwarzer Amerikaner lässt sich gerade vor einem der vielen Altäre ablichten. Es wird gepost.
Wir werden in die Grotte der unschuldigen Kinder geführt. 50 beten für 22.000.
Von oben schallt eine rockige Gospelmesse mit Schlagwerk herunter. Die Hälfte der Andacht läuft eine indonesische Gruppe durch die Grotte in eine andere, eine Etage tiefer.
Es ist 6:00 Uhr. Man ist wieder wach. Manche müssen um 7:00 Uhr anfangen zu arbeiten, also schnell wieder zum Checkpoint. Unser Taxifahrer ist putzmunter und redet uns auf Hebräisch zu. Einen Volkswagen hat er. Einen Mercedes würde er gern haben. Wir sagen, dass wir in Jerusalem leben. Dort würde er auch gern wohnen, Tel Aviv wäre auch ganz schön, Deutschland natürlich noch schöner.
Checkpoint 300. Ganz Bethlehem strömt zur Arbeit über den Checkpoint nach Jerusalem. Schlange stehen. Vereinzelt sind andere Gottesdienstbesucher auf dem Rückweg. Fiona und Lisa sind die einzigen Mädchen. Immer wieder werden einzelne Araber rausgenommen, gründlich gefilzt. Die israelischen Soldaten sind auch noch nicht richtig wach. Sie wirken wie ganz normale arbeitende Menschen, wenn da nicht diese Fülle an Macht um sie wäre.
Nach fünf Minuten gehört man zur Schlange, man wünscht ein frohes Fest. Spricht die Sprache des Feindes. Englischkenntnisse sind rar. Der deutsche Pass bringt uns sicher durch. Die Palästinenser müssen noch ihren Fingerabdruck da lassen. Ich will auch, darf aber nicht.
Im Bus wird geschlafen. Fiona ist nun die einzige blondhaarige in einem Bus mit ansonsten nur schwarzhaarigen Männern, größtenteils mit Oberlippenbart und Kurzhaarschnitt. Ich fühle mich an den Schulbus zu Hause erinnert.
7:00 Uhr: wieder im Hospital. Fiona und Marcel fangen an zu arbeiten. Ich setze mich hin und schreibe.


